Anrufstraftaten – Interview mit Kriminalrat Achim Hummel

Um ältere Menschen über das Deliktsfeld der Anrufstraftaten zu informieren besuchte der Vorsitzende des Kreisseniorenrats Breisgau-Hochschwarzwald, Michael Maluck, das Referat Prävention des PP Freiburg und interviewte den Leiter des Referats, KR Achim Hummel.

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Michael Maluck: Herr Hummel, man liest nahezu täglich in Medien über Anrufstraftaten wie Enkeltrick und falscher Polizeibeamter. Wie stellt sich die Kriminalitätslage im Land BW und im Bereich des Polizeipräsidiums Freiburg dar?

Achim Hummel: Gerade in den letzten Jahren verzeichnet man in den Kriminalitätsfeldern „falsche Polizeibeamte“ bzw. „Enkeltrick“ einen enormen Anstieg der Fallzahlen. Nicht nur bei uns in Deutschland. Auch in der Schweiz und in Österreich ist das so. 2013 zählten wir in Baden-Württemberg noch 39 Versuchsstraftaten mit dem Modus „falsche Polizeibeamter“. 2018 waren es bereits 7256 (!) Versuche. Im Bereich Enkeltrick zählten wir 2018 1486 Versuchshandlungen. Der Schaden in diesen Bereichen summierte sich im letzten Jahr auf knapp 9,3 Millionen EURO im Land Baden-Württemberg. Für 2019 müssen wir mit einem weiteren Anstieg der Fallzahlen rechnen. Das Dunkelfeld in diesem schambesetzten Deliktsfeld dürfte enorm sein.

Was tut die Polizei, um den Betrügern Herr zu werden?

Wir bekämpfen diese Phänomene mit einem ganzen Maßnahmenbündel:
Im Bereich der organisierten Kriminalität operiert eine spezialisierte Ermittlungsgruppe der Kriminalpolizei mit sehr gutem Erfolg gegen die international operierenden Tätergruppierungen. Das Problem sind hier die weltweiten Verflechtungen und das abgeschottete Vorgehen der kriminellen Banden. Dennoch gelangen uns immer wieder spektakuläre Festnahmen von sogenannten „Geldabholern“.

Im Bereich der Prävention sind wir beim Polizeipräsidium Freiburg be-sonders erfolgreich mit unserem Vorbeugungskonzept. Einerseits schulen, beraten und sensibilisieren wir ständig die Bankmitarbeiter in unserer Region. Andererseits schließen wir mehr und mehr die Kommunikationskluft zu den potentiellen Opfern, indem wir Partner der Prävention suchen, die unsere Präventionsbotschaften kurz und einprägsam trans-portieren. Wir nennen das den „Freiburger Weg“. Hilfreich ist dabei insbesondere die Rote Karte, die eigens von uns entworfen wurde und zwischenzeitlich im ganzen Land Baden-Württemberg zur Anwendung kommt. Im Mittelpunkt der Roten Karte steht ein altes veiwTelefon, das statt der Wählscheibe mit einer markanten Gaunermaske warnt.

Wie ist erklärbar, dass immer wieder Menschen den Betrügern auf den Leim gehen?

Die Gründe sind mannigfaltig. Erklärbar werden diese Kriminalitätsphänomene durch eine steigende soziale Isolation und eine steigende Vereinsamung im Alter. Nicht umsonst nannte die frühere britische Premierministerin Theresa May die „Einsamkeit die traurige Realität des modernen Lebens“. Auch bei uns erkennt man dies mehr und mehr und versucht gegenzusteuern.
Hinzu kommen alterstypische Veränderungen in der kognitiven Leistungsfähigkeit ebenso wie das, was man gemeinhin „prosoziales Verhalten“ nennt. Also ausgeprägte Hilfsbereitschaft, hohe moralische Werte, Verantwortungsbereitschaft gegenüber anderen, Dankbarkeit, Bescheidenheit, religiöse Prägung und oftmals auch eine gehörige Portion Leichtgläubigkeit.

Sie erwähnten den Begriff „FREIBURGER WEG“. Was ist darunter zu verstehen?

Wir versuchen mit viel Engagement und Kreativität, näher an die potentiellen Opfer heranzukommen. Vorträge alleine reichen bei weitem nicht aus. Um die Kommunikationskluft zu den „nicht mobilen Menschen“ zu schließen, wurden „Partner der Prävention“ gesucht und gefunden: Regionale Menü-Bring-Dienste, ambulante Pflegedienste, Hausnotrufdienste, Verkehrsbetriebe, Träger sozialer Belange und Krankentransporte unterstützen uns in der Verbreitung der Präventionsbotschaften gerne und kostenlos. In den letzten Wochen und Monaten wurden über 10.000 ROTE KARTEN von Vertrauenspersonen (ein sehr wichtiger Aspekt!) an die Ziel-gruppe gebracht. Weiterhin wurden neben den üblichen Präventionsveranstaltungen Banken mit ROTEN KARTEN versorgt. Der SC Freiburg druckte auf Anfrage eine polizeiliche Warnbotschaft kostenlos im Stadionmagazin ab.

Was können wir als Kreisseniorenrat tun, um Sie in Ihrer Arbeit zu unterstützen?

Wir freuen uns über jede Unterstützung. Sei es durch einen Abdruck in Ihrer Verbandszeitschrift, sei es durch Einladung zu Präventionsveranstaltungen, die unsere Präventionsexperten sehr gerne besuchen. Wenn Sie uns weitere „Partner der Prävention“ nennen können, sind wir Ihnen sehr dankbar.

Besten Dank für das Gespräch Herr Hummel.

 

Das Referat Prävention des Polizeipräsidiums Freiburg ist unter Telefon 0761 2960825 (AB) und freiburg.pp.praevention@polizei.bwl.de zu erreichen.

 

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